Wie kam es zur Gründung des Zentrums für Geschlechtsidentität Zentralschweiz (ZGZ)?
Lea Slahor: «Die Gründung des ZGZ erfolgte auf Basis eines steigenden medizinischen und psychosozialen Bedarfs in der Zentralschweiz. Gleichzeitig bestand eine Versorgungslücke für transidente, non-binäre und genderdiverse Menschen. Zwar war die notwendige fachliche Expertise am LUKS und bei der lups bereits vorhanden, jedoch fehlte eine zentrale, koordinierte Anlaufstelle. Betroffene mussten sich bislang zwischen verschiedenen Fachpersonen, Kliniken oder ausserkantonalen Angeboten selbst koordinieren. Ziel des ZGZ ist es, diese verstreuten Leistungen zu bündeln und eine strukturierte, interdisziplinäre Versorgung auf aktuellem wissenschaftlichem Stand sicherzustellen.»
Wer kommt zu Ihnen ins ZGZ für eine Beratung oder Behandlung?
Salvatore Corbisiero: «Das ZGZ richtet sich an erwachsene Personen aus der Zentralschweiz sowie darüber hinaus, die Fragen oder Anliegen im Zusammenhang mit ihrer Geschlechtsidentität haben. Eine Anmeldung ist sowohl als Selbstzuweisung möglich als auch über ärztliche, psychologische oder therapeutische Fachpersonen.»
Was bietet das Zentrum an?
Lea Slahor: «Je nach Ausgangslage umfasst das Angebot beratende, diagnostische und therapeutische Leistungen. Dabei wird ergebnisoffen gearbeitet und grosser Wert daraufgelegt, die persönlichen Wünsche und Bedürfnisse der betroffenen Personen zu berücksichtigen.»
Salvatore Corbisiero: «Das Spektrum reicht von psychiatrischen und psychologischen Abklärungen sowie Begleitungen und Psychotherapien über hormonelle Behandlungen bis hin zu chirurgischen Massnahmen im Erwachsenenalter. Voraussetzung für medizinische Schritte ist eine entsprechende Indikationsstellung, also eine fachlich begründete Empfehlung von qualifizierten Fachpersonen. Die lups bietet ergänzend eine spezielle Sprechstunde für Jugendliche an. Zudem erhalten auch Angehörige Beratung und Unterstützung.»
Welche Entwicklungen oder Erfahrungen haben Sie nach einem Jahr ZGZ besonders geprägt?
Salvatore Corbisiero: «Das erste Jahr war geprägt von vielen positiven Rückmeldungen – sowohl von Betroffenen als auch von Fachpersonen sowie aus der Community. Gleichzeitig konnte das Zentrum rasch an Bekanntheit gewinnen, was sich auch in einer hohen Nachfrage zeigt: Die Zahl der Anmeldungen übertraf die ursprünglichen Erwartungen deutlich.»
Lea Slahor: «Einen zentralen Erfolgsfaktor stellt das interdisziplinäre Team dar, das durch die enge und ausgezeichnete Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen getragen wird. Besonders bereichernd ist der unkomplizierte, gut funktionierende Austausch zwischen dem LUKS und der lups.»
Welche medizinischen und psychologischen Abklärungen sind notwendig, bevor eine Hormontherapie begonnen werden kann?
Salvatore Corbisiero: «Vor dem Beginn medizinischer Massnahmen erfolgt stets eine sorgfältige psychiatrische beziehungsweise psychologische Indikationsstellung durch die lups. Dabei wird geklärt, ob die Voraussetzungen für eine geschlechtsangleichende Behandlung gegeben sind.»
Lea Slahor: «Anschliessend wird gemeinsam geprüft, ob medizinische oder psychische Kontraindikationen vorliegen. Gleichzeitig wird grosser Wert auf eine umfassende Aufklärung gelegt: Die Betroffenen sollen alle relevanten Informationen erhalten, um informierte Entscheidungen treffen zu können. Die enge Zusammenarbeit zwischen Medizin und Psychologie ist dabei zentral. Im Fokus stehen eine ganzheitliche Betrachtung, die individuelle Zielsetzung sowie eine koordinierte Begleitung über den gesamten Behandlungsverlauf hinweg.»
Welche körperlichen Veränderungen bringt eine Hormontherapie mit sich?
Lea Slahor: «Eine geschlechtsangleichende Hormontherapie führt – abhängig von der Art der Behandlung – zu unterschiedlichen körperlichen Veränderungen. Bei einer östrogenbasierten Therapie entwickeln sich feminisierende Merkmale wie beispielsweise Brustwachstum, eine Umverteilung des Körperfetts oder eine weichere Haut. Eine Testosterontherapie hingegen bewirkt maskulinisierende Veränderungen, darunter eine tiefere Stimme, vermehrter Bart- und Körperhaarwuchs, ein Anstieg der Muskelmasse sowie das Ausbleiben der Menstruation. Diese Veränderungen treten schrittweise über Monate bis Jahre ein und umfassen sowohl reversible als auch irreversible Effekte – wie etwa die dauerhafte Vertiefung der Stimme.»
Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell in der Versorgung von Menschen mit Fragen zur Geschlechtsidentität?
Lea Slahor: «Eine zentrale Herausforderung liegt darin, gemeinsam mit den Betroffenen individuelle Wünsche, Erwartungen und Ziele sorgfältig zu klären und daraus eine passende Behandlung abzuleiten. Dieser Prozess erfordert Zeit, Fachwissen und ein eng abgestimmtes Vorgehen im interdisziplinären Team.»
Salvatore Corbisiero: «Gleichzeitig sind viele Betroffene weiterhin mit gesellschaftlichen Herausforderungen konfrontiert. Dazu gehören Minderheitenstress, Diskriminierung und eine teilweise unzureichende Akzeptanz, die sich auch auf die psychische Gesundheit auswirken können. Das ZGZ versteht sich daher nicht nur als medizinische, sondern auch als psychosoziale Anlaufstelle.»
